10 Dinge, die ich gerne vor dem Jurastudium gewusst hätte

  1. Es ist nicht so schwer, wie es immer angepriesen wird…

… nur viel. Normen, Schemata, Definitionen, Problemstände, Auslegungsstreitigkeiten. Das alles muss man als Student nicht nur kennen, sondern auch können und entsprechend anwenden. Und nein, das steht nicht alles im Gesetz so drin.

Das Erste, dass die meisten Jurastudenten zu hören bekommen dürfte wohl folgende Aussage sein: „Oha, krass.“

Ganz ehrlich? Eigentlich nicht. Ich will das Studium nicht herunterspielen, denn ja, an sich ist es „krass“. Aber nicht in der Hinsicht, wie viele zu meinen scheinen.

Zum einen:

  • Nein, Jurastudenten müssen keine Gesetze auswendig lernen.
  • Nein, der Stoff ist nicht total „trocken“.
  • Nein, Jurastudenten wissen nach 5 Jahren Studium noch immer nicht alles über das Recht und Gesetz und deren Anwendung.
  • Nein, für die Zulassung zum Jurastudium brauchst du keinen 1er Schnitt (jedenfalls nicht immer und abhängig von der Universität).

Das Studium ist nicht krass von den Inhalten her, sondern von der Intensität und der Menge an Stoff, die es zu lernen gibt. Denn trotz 1 bis 1,5 Jahren Vorbereitung auf das 1. Examen weiß man am Ende noch immer nicht alles! Es ist auch schier unmöglich ALLES zu wissen und genau hier liegt oft ein Irrtum vor. Wir sind es von der Schule aus gewohnt, den Stoff für eine Prüfung zu lernen und zu können (naja, die einen mehr, die anderen weniger). Daher glauben viele, dass es im Studium nicht anders ist. Man bekommt in den Vorlesungen Inhalte vermittelt, lernt sie gewissenhaft und ruft in der Prüfung sein Wissen einfach ab und bekommt 18 Punkte. Easy, oder?

Nicht ganz. Denn 18 Punkte sind quasi unerreichbar (dazu mehr unten unter „Deine Noten sagen nichts darüber aus, wie gut du bist“)

Die Realität sieht eben nun einmal so aus, dass man sehr viel zu lernen hat. Der Schwierigkeitsgrad, sofern man von einem solchen überhaupt sprechen kann, ist total subjektiv. Der eine tut sich mit Sachenrecht, der andere mit Staatsorganisationsrecht schwer. So „krass“ wie für viele Außenstehende das Jurastudium zu sein scheint ist genauso „krass“ wie für mich ein Studium in Physik oder Maschinenbau. Wenn ich nur an Fächer wie höhere Mathematik u.Ä. denke, stellen sich meine Härchen auf. „Krass“ ist also meiner Meinung nach nicht der Inhalt, den man lernen muss, denn das theoretische Wissen kann sich (theoretisch) JEDER aneignen. Man muss nur, wie in allen anderen Studiengängen auch, Interesse an dem, was man tut, haben und dann fällt einem das Lernen um einiges leichter. Die Menge an Stoff, die gelernt werden will, ist jedoch nicht herunterzuspielen. Denn man sollte sich – spätestens – vor dem ersten Examen über eines im Klaren sein: ALLES WISSEN KÖNNEN WIRD MAN NIE.

Es wird niemals 1:1 derselbe Fall (im Examen) drankommen, wie du ihn ggf. meinst schon einmal gesehen oder gar bearbeitet zu haben. Klar, manche Fälle weisen eine gewisse Ähnlichkeit auf. Doch gerade bei Jura lässt sich ein Fall durch ein klitzekleines Detail im Sachverhalt komplett anders darstellen und lösen, sodass Auswendiglernen – außer bei Definitionen und gewissen Meinungsstreits – nichts bringt. Verlass dich also nicht auf eine Entscheidung des BGH, denn der dir vorliegende Fall kann Abweichungen enthalten, was dazu führt, dass die rechtliche Bewertung ganz anders aussehen kann. Daher ist Vorsicht geboten und auch Google nicht immer dein bester Freund – leider. Jura erfordert eigenständiges Denken, Subsumieren und Argumentieren, um zu einer Lösung zu gelangen.

Die gute Nachricht lautet aber, dass so gut wie fast jedes Ergebnis vertretbar ist – wenn es logisch und konsequent argumentiert und aufgebaut ist. Es gibt nur in seltenen Fällen ein richtig oder falsch.

Daher mein Tipp: Immer schön auf die Basics konzentrieren, Gutachtenstil sauber einhalten, Schwerpunkte setzen und einen sauberen Aufbau wählen, dann kann man auch entsprechende Wissenslücken gut füllen und das Examen bzw. die Klausuren gut bestehen.

2. Ferien – was ist das?

Ich weiß noch, wie ich vor Antritt meines Studiums dachte: „Wow, 3 Monate studieren, 3 Monate Semesterferien. Das klingt zu schön, um wahr zu sein.“

Spoiler: Ist es auch.

Bei uns an der Uni hieß es daher nicht „Semesterferien“, sondern „vorlesungsfreie Zeit“. Der Begriff ist eigentlich selbsterklärend. Man hat drei Monate vorlesungsfreie Zeit, aber dennoch nicht die Freizeit, die man sich von Ferien erwünschen würde. Denn in der vorlesungsfreien Zeit werden Hausarbeiten geschrieben und es wird auf die anstehenden Klausuren, die nach der vorlesungsfreien Zeit auf einen warten, vorbereitet. Pro Hausarbeit gehen nicht selten 2-6 Wochen ins Land. Auch müssen insgesamt 12 Wochen Pflichtpraktika während der vorlesungsfreien Zeit absolviert werden (mind. 4 Wochen am Stück). Sicherlich mag der ein oder andere die Hausarbeiten oder das Lernen auf den letzten Drücker verschieben und sich dennoch seine Semesterferien gönnen. Das ist auch absolut nicht verkehrt – im Gegenteil, es ist wichtig, sich eine Auszeit zu nehmen und Energie zu tanken. Nichtsdestotrotz sitzt einem die Kenntnis über die Hausarbeit(en) und die Klausuren im Nacken, sodass nicht jeder zu 100 % entspannen kann. Viele nutzen daher gerade die vorlesungsfreie Zeit nicht nur zum Verschnaufen, sondern auch dazu, den Stoff zu lernen und zu wiederholen. Da fühlen sich Ferien, im Vergleich zu den Sommerferien zu Schulzeiten, doch etwas anders an.

Das führt uns direkt zum nächsten Punkt…

3. Das Jurastudium kostet nicht nur viel Energie, sondern auch Zeit

Nicht nur das Studium an sich geht mit seiner Regelstudienzeit von 9 Semestern sehr lange, man muss auch während der Studienzeit sehr viel Zeit aufbringen, um die gesamte Stoffmenge, die das erste Staatsexamen einem abverlangt, zu lernen und zu verinnerlichen. Man verbringt einen Haufen Zeit damit, die Lerninhalte vor- und nachzubereiten sowie zu wiederholen.

Klar, diejenigen, die sich auf diesen Studiengang einlassen, wissen, dass das Studium mit eines der längsten ist. Trotzdem sollte dies nicht unterschätzt werden, denn nach dem ersten Examen kommen noch bei einigen der Schwerpunkt und anschließend 2 Jahre Referendariat hinzu, um sich nach erfolgreicher Prüfung Volljurist nennen zu können. Sicherlich gibt es den ein oder anderen Überflieger, der bereits nach 5 Semestern das erste Examen schreibt, doch das ist eine seltene Ausnahme.

Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Genieße die Zeit bis zum Examen.

Das Studium ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Ihr müsst euch nicht abhetzen, wenn ihr euch nicht fit fühlt. Ihr habt (theoretisch) alle Zeit der Welt und könnt euch so viel Zeit lassen, wie ihr wollt und braucht. Das ist ein Luxus, den man wertschätzen sollte. Das Studium ist anstrengend und stressig genug. Daher sollte man die Zeit, die einem bis zum Staatsexamen bleibt, nicht nur mit Büffeln verbringen, sondern vor allem auch damit, seine Zeit zu genießen! Geht feiern, sammelt Erfahrungen, macht ein Auslandssemester, nehmt an Moot Courts oder Austauschprogrammen teil, bereist – wie ich – die Welt und macht das Beste aus diesen Jahren. Stressig kann und wird es in jeder Phase des Studiums werden. Somit ist es wichtig, einen Ausgleich zu schaffen und auch einen Blick über den (juristischen) Tellerrand hinaus zu wagen!

4. Vergleiche können tödlich sein (für deine Psyche)

Vermutlich kennt jeder (ehemalige) Jurastudent den ein oder anderen Gedankengang nur allzu gut:

  • Ich habe das Gefühl, ich weiß gar nichts.
  • Die anderen sind besser als ich.
  • Woher weiß sie/er das? Ich höre zum ersten Mal davon.
  • Ich werde niemals so viel wissen können.
  • ….

In den Vorlesungssälen herrscht ein Konkurrenzkampf, den niemand gewinnen kann. Einfach deshalb, weil jeder seine Stärken und Schwächen woanders hat.

Oder anders ausgedrückt: Des einen Stärke ist des anderen Schwäche.

Dein Kommilitone mag im Vergleich zu dir vielleicht gut in Sachenrecht sein. Dafür punktest du im Gegenzug im Verwaltungsrecht. Das Problem hinsichtlich der Vergleiche, die wir anstellen ist Folgendes: Wir vergleichen unsere Schwäche mit der Stärke eines anderen. Kein Wunder fühlt man sich dadurch „schlecht“. Du vergleichst doch auch nicht die Strafbarkeit eines Erwachsenen mit der Strafbarkeit eines Hundes, oder?! Die Vergleiche sind absolut sinnfrei und ohne jeglichen Nutzen. Statt dich also mit deinem Kommilitonen zu vergleichen, vergleiche dich doch mal in deiner jetzigen Lage mit der, an deinem ersten Studientag. Lass dich lieber dazu anregen, den Stoff, den du noch nicht draufhast, nochmal anzuschauen, anstatt dich davon demotivieren zu lassen, dass dein Kommilitone „mehr weiß“. Im Examen zählt nicht, wer das meiste Wissen hat, sondern wer mit dem Gesetz umgehen, logisch vorgehen und sauber argumentieren kann. Und wer sein Wissen nicht anwenden kann punktet schon gar nicht. Denk dran: Dein Kommilitone hat sich dieses Wissen auch erst aneignen müssen. Das bedeutet, dass du das auch kannst. Jura ist kein Gebiet, für das man „Talent“ haben müsste. Du benötigst nur Ehrgeiz, Selbstdisziplin und Zeit, um den Stoff zu verinnerlichen. Zudem führen (ständige) Vergleiche zu einer psychischen Belastung, was zwangsläufig dazu führt, dass du dich selbst blockierst und dir – unnötigerweise – noch mehr Steine in den Weg legst. Teilweise können Vergleiche auch dazu führen, dass man wie gelähmt ist und sich selbst so „schlecht“ sieht, sodass man dazu verleitet wird, gar nichts mehr zu machen und das Studium schleifen zu lassen. Vergleiche können wirklich toxisch sein – nicht nur im Hinblick auf DEIN Studium, sondern auch bezüglich der Beziehung zu deinen Kommilitonen.

Wie du damit aufhören kannst, dich durch Vergleiche oder andere im Allgemeinen runterziehen zu lassen, habe ich vertieft in meinem Buch „Krabbenkorb Effekt – Wie du dich nicht mehr runterziehen lässt“* festgehalten.

5. Deine Noten sagen nichts darüber aus, wie gut du bist

Schön, wenn man ein Noten- bzw. Punktesystem hat, anhand dessen man seine Leistung messen kann. Blöd nur, wenn dieses Punktesystem so aufgeteilt ist, dass die Maximalpunktzahl quasi reine Utopie ist.

Das juristische Punktesystem geht von 0 – 18 Punkten, wobei 18 die beste zu erreichende Punktezahl ist. Diese wird jedoch so gut wie nie erreicht. Der Durchschnitt der Punkte an Klausuren (in den Universitäten oder im Examen) liegt durchschnittlich bei etwa 4-6 Punkten. Mit 4 Punkten gilt eine Prüfung als bestanden (Vier gewinnt).

Ab 9 Punkten spricht man im juristischen Fachjargon vom Prädikat.

Hier eine Übersicht zu der einzelnen Punkteverteilung:

0Ungenügend 
1-3Mangelhaft 
4-6Ausreichend 
7-9Befriedigend 
10-12Vollbefriedigend 
13-15Gut 
16-18Sehr gut 

Wer in der Schule sehr gute bis gute Noten hatte und in der Uni nicht einmal eine zweistellige Punktzahl erreicht, sollte sich davon nicht entmutigen lassen! Mich persönlich hat es anfangs total runtergezogen, plötzlich nicht mehr im oberen Punktebereich zu sein. Allerdings habe ich mit der Zeit gelernt, dass die Noten nichts darüber aussagen, wie gut man ist! Das ist ein sehr wichtiger Punkt, den man sich verinnerlichen sollte, um nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Es wird Klausuren geben, die besser – andere, die schlechter ausfallen. Bei den Korrekturen spielen leider nicht nur das eigene Können, sondern auch der Gemütszustand des Korrektors eine Rolle. Aber nicht nur das, auch die Schwerpunktsetzung, die vertretbare Lösung von Problemen und der Aufbau einer Klausur fließen mit in die Bewertung ein. Ebenso Lesbarkeit der Ausarbeitung und ob man die Klausur überhaupt zu Ende gelöst hat (was angesichts der kurzen Bearbeitungszeit im Vergleich zum zu bearbeiteten Sachverhalt nochmal ein Problem für sich ist).

Wie du siehst hängt die Punktevergabe nicht ausschließlich von deinem Wissen ab, sodass die Note letztlich auch nichts darüber aussagt, wie gut du später als Richter, Staats- oder Rechtsanwalt o.Ä. bist.

Lass dich von dem Punktesystem nicht verunsichern und denk daran: Vier gewinnt! 😉

6. Das Studium erfordert viel Selbstdisziplin

Dass die Schule weit hinter mir lag, wurde mir ganz schnell in den ersten Stunden des Studiums klar. Zumindest an meiner Universität gab es kein vertrauensvolles Studenten-Professoren-Verhältnis, im Rahmen dessen man von seinem Prof durch die verschiedenen Phasen des Studiums begleitet wurde. Man ist plötzlich auf sich allein gestellt. Es liegt in der Verantwortung eines jeden Studenten, sich selbst um alles zu kümmern. Darunter fällt auch, sich selbst zu informieren, Lernmaterialien zu beschaffen und einen optimalen Weg zum Lernen zu finden. Der Nachteil des Studiums im Vergleich zur Schule: Man kann quasi selbst entscheiden, was man tun und lassen will. Und das ist für viele, besonders am Anfang, nicht immer leicht. Die Versuchung ist groß, zunächst einmal nichts zu tun und alles schleifen zu lassen. Das Studentenleben genießen, feiern gehen, ausschlafen und in Vorlesungen Filme oder Videos schauen, anstatt der/m Professor/in zuzuhören.

Doch sosehr diese Entscheidungsfreiheit, die einem auf einmal zusteht, Nachteile bescheren kann, so bietet sie genauso ihre Vorteile! Man kann selbst entscheiden, welche Vorlesungen einem nützen und welche nicht. Dementsprechend ist man nicht mehr gezwungen, Vorlesungen zu besuchen, wenn man nicht will. Man kann sich – so war es zumindest an meiner Universität– nach den Grundveranstaltungen den Stundenplan selbst zusammenstellen und letztlich nur zwei oder drei Mal zur Uni gehen, anstatt fünf Mal die Woche. Es werden teilweise Vorlesungen bis um 20 Uhr angeboten, sodass man nicht jeden Tag zwingend um 8 Uhr aus der Haustür raus muss, sondern auch unter der Woche ausschlafen kann. Ferner kann man selbst entscheiden, wann man das erste Staatsexamen antreten will, wann und welchen Schwerpunkt man wählt und kann verschiedene Veranstaltungen, die über das examensrelevante juristische Wissen hinausgehen, belegen. So hat meine Uni verschiedene interessante Schlüsselqualifikationen, wie Argumentationstraining, Rhetorik, Aussagepsychologie, Latein etc. kostenlos angeboten. Das Angebot variiert von Universität zu Universität. Man sollte auf jeden Fall einen Blick in die angebotenen Veranstaltungen wagen und ggf. auch nutzen. Viele Menschen zahlen einen Haufen Geld für solche Veranstaltungen und als Student bekommst du sie gratis – das will genutzt sein!

Um deine Selbstdisziplin auf Vordermann zu bringen können To-Do-Listen, Zeitmanagement, Planung, Prioritätensetzung, tägliche Routinen usw. sehr hilfreich sein! Hier habe ich für dich zum kostenlosen Download einen Werktags-Planer erstellt. Diesen kannst du dir ausdrucken, folieren und jede Woche neu benutzen 🙂

Wer sich intensiver mit dem Thema Disziplin beschäftigen will, kann gerne einen Blich in mein Buch „10 Schritte zur Disziplin“* reinwerfen. Darin habe ich auch teilweise meine Erfahrungen bzgl. Studium und Stress geteilt und wie ich damit umgegangen bin.

7. Leistungsdruck

Gut, es dürfte sich wohl um kein Geheimnis handeln, dass Jurastudenten einem enormen Leistungsdruck unterliegen. Die Wahrheit? Es stimmt.

Ständig wird einem eingebläut, man müsse sich mehr anstrengen, mehr lernen, mehr leisten. Die ersten Worte, die unser Professor in Zivilrecht (BGB AT) zu uns sprach, waren:

„Schauen Sie nach links. Schauen Sie nach rechts. Diese Personen werden es nicht bis zum ersten juristischen Staatsexamen schaffen.“

Ein motivierender Einstieg in das Jurastudium, oder?

Der Spruch dürfte (leider) den meisten Jurastudenten bekannt sein. Man sollte sich dennoch nicht von ihm einschüchtern lassen. Denn was viele zu dem Zeitpunkt nicht wissen: Ja, knapp die Hälfte der Erstsemester werden es tatsächlich nicht zum Examen schaffen. Aber nicht nur, weil sie hinter den geforderten Leistungen zurückbleiben und Klausuren verhauen, sondern weil viele unter ihnen auch schlicht und ergreifend merken, dass das Jurastudium nichts für sie ist. Und weißt du was? Das ist vollkommen in Ordnung! Zu dem anderen Teil, der es bis zum Examen schafft gibt es hinsichtlich zum Punkt Leistungsdruck Nachfolgendes zu sagen:

Der überwiegende Druck, den man verspürt, kommt nicht von außen, sondern von innen.

Lies den Satz noch einmal. Klar, es wird einem bei jeder sich bietenden Gelegenheit deutlich gemacht, welche Leistung(en) man zu erbringen hat. Doch sehr viele Studenten verbeißen sich so sehr in den Gedanken, diesen Leistungen um jeden Preis gerecht zu werden, dass sie schneller ausbrennen als ein Hamster im Laufrad auf Speed.

Ja, in den Klausuren muss man nicht nur schnell denken, sondern auch schnell schreiben.

Ja, man muss eine unglaubliche Fülle an Stoff lernen, um sich einigermaßen fit für die schriftliche Prüfung zu fühlen.

Ja, mit jedem Semester kommt mehr Stoff hinzu. Und ja, am Ende bleibt dennoch das Gefühl, noch immer nicht genug zu können.

Als Jurastudent ist man in gewisser Maßen Einzelkämpfer. Und das, obwohl man mit seinen „Problemen“ nicht alleine dasteht. Man kämpft sich alleine durch die Klausuren, durch den Schwerpunkt, durch das Examen. Nebenbei versucht man trotzdem nicht in der Masse unterzugehen. Oft sind Jurastudenten mit sich selbst beschäftigt, was vor allem daran liegt, dass der Fokus auf den eigenen Leistungen liegt. Daher schadet es nicht, sich vor oder während dem Studium ein gewisses Maß an Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen aufzubauen, um auch die stressigen Phasen des Studiums gut zu überstehen.

Trotz des Leistungsdrucks, der einen womöglich das ganze Studium über begleiten wird, kann man ihm ein wenig entgegenwirken, wenn man sich ein paar Dinge klarmacht:

  • Die Welt dreht sich weiter. Auch, wenn ich eine Klausur oder das Examen verhaue.
  • Gib dein Bestes, aber vergiss nicht, dass dein Leben aus mehr als nur einem Abschluss oder einem bestimmten Beruf besteht.
  • Wenn Plan A nicht funktioniert, muss ein Plan B her.
  • Es gibt Wichtigeres als diesen einen Abschluss.
  • Ein anderer Beruf könnte mich viel glücklicher machen.
  • Meine Gesundheit ist mein höchstes Gut und wird mich länger begleiten als irgendein Beruf.

Zugegeben, es hängt von der persönlichen Einstellung, die man zum Studium pflegt, ab, inwiefern solche aufmunternden Worte einem helfen. Je mehr man sich auf das Studium fixiert und es als Dreh- und Angelpunkt seiner Welt ansieht, desto schwieriger tut man sich mit einer Niederlage. Macht man sich von vornherein bewusst, dass es sich „nur“ um ein Studium (oder später dann um einen Beruf) handelt und sein eigener Wert nicht davon abhängt (!), kann man einen Misserfolg besser einstecken und kommt ggf. leichter wieder auf die Beine.

8. Übungsklausuren

Theorie ist ja schön und gut, aber in den Klausuren wird nicht stupide theoretisches Wissen abgefragt, sondern man muss theoretisches Wissen praktisch anwenden. Und das lernt man am besten durch Klausuren schreiben! Nichts ist effektiver als angeeignetes Wissen im Rahmen von Übungsklausuren anzuwenden und zu erproben, ob und wie man die theoretischen Kenntnisse verwerten kann. Denn Meinungsstreits, Definitionen und Co. zu können ist das Eine, das Andere ist es, diese in der Klausur entsprechend zu verorten und anwenden zu können. Das wird viel zu oft, auch noch während der Examensvorbereitung, unterschätzt.

Mein Tipp: Schreibe so früh wie möglich so viele Übungsklausuren wie (für dich) nötig und möglich.

Die Anzahl an geschriebenen Übungsklausuren hat jedoch nichts damit zu tun, wie gut oder wie schlecht man ist. Der eine braucht nur 20 Klausuren, um sich „fit“ zu fühlen, der andere 90. Das ist ganz individuell und nicht weiter schlimm, wenn man nach der 20. Klausur noch immer Probleme hat. Denn dafür sind Übungsklausuren gerade da! Sie helfen einem dabei, herauszufinden, wo die eigenen Schwierigkeiten liegen. Tut man sich schwer damit, die Bearbeitungszeit einzuhalten? Fehlt noch theoretisches Wissen? Oder setzt man seine Schwerpunkte nicht bzw. an den falschen Stellen?

Wer gewissenhaft seine Übungsklausuren nacharbeitet und die Anmerkungen des Korrektors durchliest, lernt aus seinen Fehlern und kann sie so im Ernstfall vermeiden. Wer Wissenslücken feststellt, hat anschließend die Möglichkeit, diese durch Lehrbücher oder Skripte zu schließen.

9. Gerechtigkeit – eine Medaille mit zwei Seiten

Recht und Gerechtigkeit sind zwei Paar Schuh.

Was für den einen gerecht ist, ist für den anderen ungerecht – und umgekehrt. Denn bei uns sind die Gesetze allgemeine Gesetze, d.h. eine Norm bezieht sich nie auf einen Einzelfall (was praktisch sowieso unmöglich wäre), sondern auf die Allgemeinheit. Art. 19 I GG verbietet grundrechtseinschränkende Gesetze, die nicht allgemein sind, sondern nur für den Einzelfall gelten. Was also der Eine als gerecht empfindet, kann für den anderen wiederum als ungerecht empfunden werden. Denn Gerechtigkeit ist nicht immer möglich und definiert jeder anders. Für den einen ist es gerecht, wenn ein Mörder eine Freiheitsstrafe bekommt. Für den anderen hingegen, wenn der Mörder die Todesstrafe kriegt.

Das Handwerkszeug eines jeden Juristen liegt nämlich nicht darin, Recht und Gerechtigkeit unter einen Hut zu bekommen, sondern darin, einen konkreten Fall unter eine abstrakte Gesetzesnorm zu subsumieren. Denn er ist an Recht und Gesetz gebunden. So kommt es nicht selten vor, dass ein für den Nichtjuristen ungerechtes Ergebnis herauskommt, wenn ein Tatbestandsmerkmal einer Norm nicht erfüllt ist.

Viele wollen Jura studieren, um Gerechtigkeit zu schaffen. So auch ich. Allerdings musste ich schnell feststellen, dass Gerechtigkeit eine Medaille mit zwei Seiten ist. Mir hat dieses Wissen aber geholfen, viele Dinge neutraler, aus objektiver Sicht und vor allem aus der gegnerischen Perspektive zu betrachten. Eine vollkommene Gerechtigkeit wird es niemals geben. Sobald man sich das einmal klar gemacht hat, fällt einem das Verständnis für unser Rechtssystem als auch ggf. die Fallbearbeitung in den Klausuren leichter.

10. Planung erleichtert vieles

Ein schlechtes Gewissen gehört zum Alltag. Zumindest im Jurastudium. Egal, wie viel man gelernt, gemacht und getan hat – man bekommt das Gefühl, nicht genug getan zu haben, kaum los. Gönnt man sich ein paar Tage Auszeit, um seine Akkus aufzuladen, sucht einen schnell das schlechte Gewissen heim, weil man gerade nicht lernt.

Für viele Außenstehende völlig unverständlich – für viele Jurastudenten leider Alltag.

Das schlechte Gewissen lässt sich vielleicht nicht immer vermeiden, jedoch durch Planung sehr gut in den Griff bekommen. Denn die Gewissensbisse, sobald man den Schreibtisch verlässt, hängen mit dem oben genannten Punkt „Leistungsdruck“ und dem Gefühl, noch immer nicht alles zu können/zu wissen, zusammen.

Wie mir Planung vieles erleichtert hat und wie ich das geschafft habe:

  • Überblick verschaffen (Stoffsammlung)

Schnapp dir deine (landesrechtliche) Prüfungsordnung (JAPrO) und verschaff dir einen Überblick, über den Examensstoff. Das hat mir damals in der Vorbereitung geholfen, zu schauen, was überhaupt von mir verlangt wird. Auf den ersten Blick mag es nach sehr viel aussehen, aber wenn du die einzelnen Rechtsgebiete dir auf ein extra Blatt notierst (oder die JAPrO ausdruckst), wirst du merken, dass du mit dem meisten Stoff zumindest einmal im Laufe des Studiums in Kontakt gekommen bist. Und das, was du noch nicht kennst oder kannst, kannst du dir nun fett markieren und als allererstes in Angriff nehmen. Genau deswegen ist es sinnvoll, sich einen ersten Überblick zu verschaffen.

Stehst du mitten im Studium kurz vor einer Klausur, gilt dasselbe. Steht eine Klausur im Schuldrecht AT an, schreib dir auf, welche Probleme, welche Normen und welche Schemata in Frage kommen könnten. Konzentrier dich auf das, was dir noch nicht so gut liegt und wiederhole den Stoff, den du bereits kannst, damit du ihn nicht vergisst (dazu unten mehr).

  • Zeitplan erstellen

Weiter kann es hilfreich sein, sich einen Zeitplan zu erstellen. Wann kannst du lernen? An welchen Tagen, zu welchen Uhrzeiten? Wann finden Vorlesungen, Fallbesprechungen o.Ä. statt? An welchen Tagen widmest du dich dem Zivil-, Straf- oder dem Öffentlichen Recht? Du musst keine 8 Stunden am Tag lernen, wenn du nur 4 Stunden davon fokussiert und produktiv bist. Plane lieber etwas weniger Zeit ein, die du dann effektiv nutzt als andersherum. 😉

Was mir persönlich ganz gut geholfen hat, war die sogenannte „Pomodoro-Technik“. Es gibt aber auch viele andere Techniken und Möglichkeiten, seine Zeit so sinnvoll wie möglich zu nutzen. Probiere dich aus und finde den richtigen Weg für dich.

Ich persönlich habe in der Examensvorbereitung an 2 Tagen die Woche Zivilrecht gelernt, 2 Tage ÖR und 1 Tag Strafrecht. Ich habe meine Mittagspausen fest eingeplant, um vormittags nicht in Versuchung zu geraten, zu trödeln. Abends habe ich mir ebenfalls eine „Deadline“ gesetzt, bis wann ich mit dem Lernen durch sein will. Das hat mir dabei geholfen, einen Schlussstrich zu ziehen und mich danach dem Leben außerhalb von Jura zu widmen.

  • Lernplan erstellen

Sobald der Zeitplan steht, geht es an den Lernplan. Nun kannst du planen, welche Themen du wann behandeln willst. Keine Sorge – es muss nicht alles bis ins kleinste Detail durchgeplant sein (das funktioniert in der Praxis übrigens sowieso nie zu 100%).

Ich habe immer vom Allgemeinen zum Besonderen gelernt. Sprich: Mich erst dem BGB AT gewidmet, bevor ich mich ans Schuld-, Sachen- oder Familienrecht herangewagt habe. So kann man das bereits Gelernte auch gleich wiederholen.

  • Pausen und Freizeitaktivitäten mit einplanen

Nicht vergessen werden sollte in der Planung auch entsprechende Freizeitaktivitäten, Arbeitszeiten, Pausen und alles, was nicht mit Jura zutun hat. Denn ein voller Terminkalender sagt nichts darüber aus, wie effektiv dein Tag war und vor allem nicht, wie reichhaltig dein Leben ist! Vergiss daher nicht: Das Leben findet im Hier und Jetzt statt. Nicht nach den Klausuren, nicht nach dem Examen, nicht in der Rente – sondern JETZT. Also lebe es auch 😊

  • Lernmethode finden

Finde für dich die perfekte Lernmethode. Du hast die Qual der Wahl zwischen Karteikarten, Skripten, Lehrbüchern, Übungsfällen, Podcasts, Crash-Kursen oder einer Lern-Gemeinschaft. Du musst dich auch nicht für eine Methode entscheiden oder – Gott bewahre – alle verwenden! Nur weil andere mit Karteikarten lernen, bedeutet das nicht, dass das für dich auch die geeignete Lernmethode ist! Probiere dich aus und bleibe dann bei einer Methode, die für dich funktioniert. Ich habe mit einer Kombi aus Skripten, Übungsfällen und selbst erstellten Zusammenfassungen gelernt und bin super damit gefahren. Karteikarten habe ich ausprobiert, jedoch nie benutzt und damit nie so richtig lernen können. Das ist eben bei jedem anders, also bloß nicht verunsichern lassen. (Zum Thema „Lernmethoden“ habe ich einen eigenständigen Beitrag verfasst.)

  • Schwerpunkt – vor oder nach dem Examen?

Überlege dir früh genug, ob du den Schwerpunk vor oder nach dem Staatsexamen belegen willst. Beides hat seine Vor- und Nachteile und wenn du nicht mit 25 Jahren unbedingt Volljurist werden willst, hast du im Prinzip auch keine Eile 1 oder 2 Semester nach dem Examen dranzuhängen.

Ich habe meinen Schwerpunkt auch nach dem Examen geschrieben und würde es jederzeit wieder so machen. So hatte ich freien Kopf für das Examen und konnte mich danach in aller Ruhe meinem Interessengebiet widmen. Wie gesagt, beides hat Vor- und Nachteile 😊

  • Rechtsprechung im Blick behalten

…aber sich nicht darauf verlassen und darauf fixieren. Die Rechtsprechung zu kennen ist schön und gut und kann natürlich hilfreich sein. jedoch läuft man hier auch Gefahr, sich so auf das Ergebnis der Rechtsprechung zu konzentrieren, dass man schnell die Besonderheiten des Klausursachverhalts ausblendet und das (falsche) Ergebnis der Prüfung quasi vorwegnimmt.

Kurz gesagt: Rechtsprechung ist wichtig, aber nicht alles.

  • Wiederholen

Den Kampf gegen das Vergessen gewinnt man mit Wiederholung des Stoffes.

Diesen Punkt habe ich damals leider viel zu sehr auf die leichte Schulter genommen, daher möchte ich ihn dir wirklich ans Herz legen: wiederholen, wiederholen, wiederholen! Die Fülle an Stoff, die man für das Examen beherrschen muss, kann nur dann (schnell) abgerufen werden, wenn alles sitzt. In Strafrecht ist es meiner Meinung nach noch am Einfachsten, da sich die gängigen Meinungsstreits wiederholen und dadurch besser sitzen. Die Standardprobleme – egal in welchem Rechtsgebiet – kann so gut wie jeder Student nur deswegen abrufen, weil er sie schon x-Mal durchgekaut hat. Wenn die Zeit vor der Klausur oder vor dem Examen knapp ist empfehle ich, sich die Probleme/Definitionen/Schemata o.Ä. auf einem extra Blatt zu notieren und sich dann daransetzen, diese öfter durchzunehmen und zu wiederholen. Dafür eignen sich nicht nur Karteikarten, sondern auch Skripte, eigene Zusammenfassungen, Podcasts, Hörbücher, Crash-Kurse oder das Lösen von Fällen oder Besprechen im Rahmen einer Lerngruppe. Es ist egal, wie du den Stoff wiederholst, wichtig ist nur, dass du es tust.

Ich wünsche dir viel Erfolg und vor allem viel Spaß im Jurastudium!

Was hättest du gerne vor dem Jurastudium gewusst? Was würdest du im Nachhinein anders machen? Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen.

Sandra

Rechtsreferendarin|Autorin|Ernährungsberaterin|Sportlerin|Weltenbummlerin|Leseratte|Essensliebhaberin|

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