Die Anwaltsstation I im Referendariat (BW)

Ein Erfahrungsbericht

Dauer

Die Anwaltsstation ist die dritte und die erste der beiden Anwaltsstationen von 4,5 Monaten (in Baden-Württemberg). In der ersten Woche findet ein Einführungslehrgang statt.

Ablauf

Nach dem Einführungslehrgang fing die Station – zumindest bei mir – kurz und schmerzlos an. Ich wurde schnell in den Kanzleialltag eingebunden, durfte Akten lesen, Schriftsätze verfassen und meinen Ausbilder auf ein paar Hauptverhandlungen begleiten. Da sich jeder seine/n Ausbilder/in im Vorfeld selbst aussucht, variiert natürlich bei jedem der Zeit- und Arbeitsaufwand. Erfahrungsgemäß erwarten Anwälte, die eine Vergütung zahlen, verständlicherweise mehr von/m Referendar/in, als einer, der seinen Schützling nicht bezahlt.

Auch das Aufgabenfeld unterscheidet sich von Kanzlei zu Kanzlei. Am besten fragt ihr ehemalige Referendare über ihre Erfahrungen und Empfehlungen, wenn ihr euch nicht sicher seid, ob eine kleine Boutique, mittelständische Kanzlei oder eine Großkanzlei etwas für euch ist. Aber genau dafür ist diese Station auch da: um es herauszufinden.

Die Station

Für mich stand von Anfang an eigentlich fest, dass ich mich einem Rechtsgebiet widmen werde: Strafrecht. Aus praktischen Gründen, aber auch aus dem Bauchgefühl und einigen Erfahrungsberichten zufolge, habe ich mich für eine mittelständische Kanzlei bei mir in der Nähe entschieden und es nicht bereut.

Ich habe mich einerseits sehr auf die Station gefreut, denn ich durfte endlich Einblicke in die „Vorarbeit“ und hinter die Kulissen bekommen. Ich war nicht mehr mit mehr oder weniger abgeschlossenen Sachverhalten befasst, sondern konnte aktiv daran mitwirken, den Sachverhalt zu bearbeiten und im besten Fall (während meiner Station) abzuschließen. Andererseits war ich aufgeregt, weil ich nicht einschätzen konnte, was auf mich zukommen und was von mir erwartet wird.

Mein Ausbilder war super nett und hat mich bereits am ersten Tag über seine aktuellen Fälle informiert und mir gleich eine Aufgabe über den Entwurf eines Einstellungsantrags übertragen. Zunächst sollte ich täglich in die Kanzlei kommen und mir Aufgaben suchen sowie an Mandantengesprächen teilnehmen. Nachdem ich aber bereits am zweiten Tag das Gespräch mit ihm gesucht und ihm mitgeteilt habe, dass ich lieber aktiv arbeiten statt passiv Akten lesen oder Hauptverhandlungen besuchen möchte, gab er mir mehr Arbeit, bei der ich Schriftsätze an die Staatsanwaltschaft oder an den Mandanten verfassen, Verteidigungsstrategien entwerfen usw. durfte. Natürlich war ich auch auf einigen Hauptverhandlungen mit dabei, jedoch seltener als es bei anderen Referendaren vor mir der Fall war. Grund hierfür waren zum einen die wenigen Verhandlungstermine innerhalb der Station als auch die Tatsache, dass ich in der Zivil- und Strafstation schon x-Verhandlungen besucht habe und mich in dieser Station mehr einbringen wollte, statt einfach nur still dazusitzen. Nach dem offenen Gespräch hatte ich auch das Gefühl, dass die Zusammenarbeit noch lockerer ablief. Ich durfte mich frei im Hause bewegen, den internen Laptop für Referendare im Konferenzraum für Aktenrecherche benutzen und konnte selber entscheiden, wie viele Aufgaben ich mir aufbürden möchte. So habe ich meistens mehrere Akten gleichzeitig bekommen und durfte mir, je nach Arbeitsaufwand oder Fristeinhaltung, für die Bearbeitung die Zeit nehmen, die ich brauchte. Im Schnitt war ich trotzdem ca. einmal die Woche in der Kanzlei. Meistens, um abgeschlossene Akten zu besprechen und neue Akten abzuholen bzw. zu bearbeiten.

An sich verging die Station wie im Flug, was zuletzt vielleicht auch daran lag, dass sie im Sommer stattfand und ich währenddessen fast 3 Wochen Urlaub hatte und auch sonst „weniger los“ war. 7

Bei uns in Baden-Württemberg haben Referendare 30 Tage Urlaubsanspruch im Jahr – bis zur Anwaltsstation habe ich jedoch nur 10 Tage Urlaub verbraucht.

Letzten Endes war die Station so, wie ich sie mir vorgestellt habe und beim Abschlussgespräch wurde ich dafür gelobt, dass ich von Beginn an die Initiative ergriffen habe, lieber aktiv arbeiten zu wollen. Mein Ausbilder riet mir aber auch dazu, in der nächsten Anwaltsstation eine andere Kanzlei zu besuchen, um mir ein anderes bzw. neues Bild verschaffen zu können. Er war mit meiner Arbeit genauso zufrieden, wie ich mit seiner Aufgabenerteilung und dem Wissen bzw. praktischen Vorgehen, das er mir vermittelt hat. Der Spaß, als auch der Lerneffekt sind hier definitiv nicht zu kurz gekommen.

Highlight(s)

Ein Highlight für mich war bei einer Verständigung nach § 257c StPO dabei gewesen zu sein und der Entwurf einer Verteidigungsstrategie zu einem nicht ganz so leichten Fall. Ansonsten war die Station relativ entspannt, wenn auch arbeitsintensiv (im positiven Sinn). Ich wurde gut gefördert und durfte mein Wissen einbringen sowie meine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Die Station hat mir bisher am meisten Spaß gemacht und mich darin bestärkt, den Beruf Anwältin bzw. Strafverteidigerin weiterzuverfolgen.

Dresscode

Weil der Dresscode in jeder Kanzlei bzw. in jedem Unternehmen anders ist, kann ich nur darauf eingehen, wie es bei mir war. An Verhandlungstagen oder bei Mandantengesprächen sowie -besuche habe ich ganz klassisch schwarze Hose, Bluse oder Hemd und – je nach Wetter – Stiefel oder schicke Loafer getragen. Zu Besprechungen mit meinem Ausbilder oder zu Recherchezwecken habe ich teilweise, genauso wie mein Ausbilder und all die anderen Anwälte der Kanzlei, auch Sneaker und ein schlichtes T-Shirt oder Longsleeve getragen. Im Prinzip habe ich also das getragen, wie auch schon in der Zivil- und Strafstation.

Tipps:
  • Sucht euch eine Station aus, die euch wirklich interessiert oder interessieren könnte
  • Probiert ggf. ein Rechtsgebiet aus, das euch neu ist oder nicht zum examensrelevanten Stoff gehört (ihr sollt ja einen Einblick bekommen und natürlich Spaß haben)
  • Wenn es in eurem Bundesland erlaubt ist, nutzt die Station ggf. für einen Auslandsaufenthalt oder einem Aufenthalt in einem anderen Bundesland
  • Holt euch Inspiration von anderen Referendaren, aber trefft die Entscheidung für euch und nicht für andere (hört auf euer Bauchgefühl)
  • Kommuniziert offen mit eurer/eurem Ausbilder/in bzgl. Arbeitsaufwand, Inhalt und euren Vorstellungen/Wünschen von der Station
  • Seid mutig, ergreift auch Eigeninitiative (vor allem, wenn euch die Kanzlei/der oder die Ausbilder/in zusagt und ihr ggf. eurem potenziellen künftigen Arbeitgeber gegenübersteht)
  • Bewerbt euch frühzeitig, falls ihr in eine beliebte Großkanzlei wollt (informiert euch auch rechtzeitig über etwaige Bewerbungsfristen)
  • Überlegt euch, ob ihr Geld dazuverdienen wollt (dann kommt vermutlich eher eine GK in Frage) oder ob ihr – im Vergleich zum Arbeitsaufwand in einer GK – weniger arbeitsintensiv die Station erleben wollt (dann eher Boutique oder mittelständische Kanzlei) à Alle haben ihre Vor- und Nachteile. Doch genau dafür ist ja das Ref da: Probiert euch aus (vor allem, wenn in eurem Bundesland – wie in BW – die Anwaltsstationen in zwei Stationen aufgeteilt sind)
  • Denkt dran: Die Anwaltsstation kann auch ein Sprungbrett für den Einstieg ins Berufsleben sein
  • Zu guter Letzt: Habt Spaß!

Wie ist eure Erfahrung oder Erwartung bzgl. der Anwaltsstation gewesen? Welche Tipps habt ihr? Lasst mir dazu gerne einen Kommentar da 🙂

Sandra
Rechtsreferendarin|Autorin|Ernährungsberaterin|Sportlerin|Weltenbummlerin|Leseratte|Essensliebhaberin|

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.